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von Bernd Keuschnig am 16.06.2017 geschrieben
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Zu Besuch in Ecuador – Teil 4

© Google earth© Google earth

Wir, die Familie Keuschnig, Petra, Simon und ich, besuchen unseren älteren Sohn Aaron in Ecuador und wollen 3 Wochen bleiben ... Ein Reisetagebuch vom 01.04.2017 bis 23.04.2017 ... 2. Teil (10. April bis Dienstag, 11. April)

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© Montage privat© Montage privat

Der Chimborazo galt bis Mitte des 19. Jahrhunderts als höchster Berg der Welt. Die Bergrießen des Himalayas wurden erst später entdeckt bzw. vermessen.

Der Chimborazo genießt aber nach wie vor eine Sonderstellung unter den Bergen dieser Welt. Sein Gipfel ist nämlich der weit entfernteste Punkt vom Erdmittelpunkt.

Wie kann das sein? Die Erde ist nicht kugelrund, sondern wissenschaftlich gesehen ein Rotationsellipsoid, d.h. ein Punkt am Äquator ist vom Erdmittelpunkt weiter entfernt als der Nordpol oder der Südpol. Der Chimborazo liegt in unmittelbarer Nähe des Äquators, der Mont Everest weiter nördlich. Sein Gipfel ist vom Erdmittelpunkt 2,22 km weiter entfernt ("höher") als der Gipfel des Mont Everest.

© http://blog.amnestyusa.org/us/maryland-death-penalty-meets-globalization/attachment/world-globe-3d-ellipsoid-pic/© http://blog.amnestyusa.org/us/maryland-death-penalty-meets-globalization/attachment/world-globe-3d-ellipsoid-pic/

10.04. Chimborazo: 11:00 unsere Bergführer, Julian und Jorge holen uns in der Fundacion ab. Sie haben für jeden von uns die gesamte Ausrüstung (Helm, Schuhe, Gurt, Eispickel...) mitgebracht. Wir probieren und fahren um 13:00 los. Um 16:00, erreichen wir die Hermanos Carrel Hütte auf 4800 m. Die auf 5.000 m liegende Wymber Hütte ist geschlossen. Wir haben ja Regenzeit, sozusagen bergsteigerische Nebensaison. Von Vorteil könnte sein, dass im Massenlager keine Massen schlafen. Ein paar Erklärungen, ein Essen und schon liegen wir um 18:00 im Bett. Um 22:00 Aufstehen und Abmarsch um 23:00. Nur ich kann nicht schlafen, muss andauernd auf das Klo, da ich ja Unmengen Wasser hinsichtlich des Vermeidens der Höhenkrankheit in mich hineingeschüttet habe, will aber die anderen, Simon, Petra, unsere Bergführer, Rudolfo aus Brasilien und dessen Bergführer im Massenlager nicht aufwecken. Ich bleibe und leide. Immer wieder muss ich an die gestrige Palmsonntagsprozession in Ambato denken. Das Bild der Betenden erscheint mir immer wieder auf's Neue. Die Zeit will nicht vergehen. Am liebsten gleich losgehen. Bin fit, mein vorm Schlafengehen gemessener Ruhepuls liegt bei 56. Die Höhe scheint mir nix zu machen. Doch was ist mit höher? Werden Petra und Simon das schaffen? Oder muss ich irgendwann umdrehen? Fragen, Fragen und Zweifel. Zustände freudiger Erwartung und beklemmender Atemnot, wechseln sich gegenseitig ab. 22:00 endlich endet das schlaflose Warten! Essen und hinein in die Ausrüstung, zutreffender wäre Rüstung. Eine Rüstung um Schnee, Eis und Kälte zu trotzen. Wir wanken schwerfällig los in das punktuell durch unsere Stirnlampen erhellte Dunkel. Anstatt Schnee, Eis und Kälte begegnen uns miriarden von aus Wolken kondensierenden Wassertröpfchen. Wir wandern durch eine Wolke. Fotografieren ist unmöglich. Jedes Foto sieht aus als würde man nach einer heißen Dusche den Badezimmerspiegel ablichten. Es ist unerträglich heiß in meiner Rüstung. Julian (gesprochen "Hulian") hat anscheinend ecuadorianische Vorstellungen von Kälte. Hat er mich nicht schon zum Schlafen in einen Schlafsack, welcher wiederum in einen Schlafsack steckt, vergattert? Nur mit äußerster, zu Schau gestellten Entschlossenheit konnte ich einen zusätzlich anzuziehenden Thermopyjamer vermeiden. Trotzdem fühlte ich mich geborgen wie in einer Mikrowelle. Ein weiterer Grund meiner Schlaflosigkeit.

Nach einer halben Stunde, mein Körper bewegt sich gleichzeitig der finalen Überhitzung entgegen, berühren meine "Eisenschuhe" das erste Mal Schnee! Zu meiner persönlichen Genugtuung schwitzen auch "Hulian" und "Horche" (Jorge) wie andalusische Esel. Die Luft ist dünn, Sauerstoffmoleküle sind ein rares Gut. Doch es wird besser, weil ein wenig kälter. Wir sind in den oberen Rand der Wolke vorgedrungen. Der VOLLMOND wird sichtbar. Yipiiii!!! Uns, Petra, Simon und mir geht es zunehmend besser. Wir schaffen den 8-stündigen Aufstieg. Mittlerweile haben wir im Schneckentempo die beiden anderen Teams überholt, si, wir, los austriacos leisten Führungsarbeit!! Wir stapfen die immer steiler werdende Südwestflanke des Chimborazos, in unseren Rüstungen hinauf. Es ist anstrengend aber machbar. Eine kompakte, ca. 10 cm starke Neuschneeschicht, liegt auf einer faulen Altschneeschicht. "Hulian" führt, gefolgt in gegenseitigen Entlastungsabständen von 6 Metern von Petra, Simon, Bernd und "Horche" . Die Neuschneeschicht ist trügerisch, sie hält 4 bis 5 Schritte stand, um dann ohne Vorwarnung nachzugeben. Man bricht 2 bis 3 Schritte bis zur Hüfte ein, muss sich jedes Mal unter großem Krafteinsatz befreien. Der Eispickel ist keine Hilfe, stört eher. Den beiden nachfolgenden Seilschaften eröffnet sich dadurch ein "bequemer" Pfad. Passt so! Deutsch-Österreichisch-Brasilianische Freundschaft. Für die Deutsche, Antonia ist es bereits der 2. Versuch. Am Vortag war sie höhenkrank, den ganzen Tag erbrechend dazu nicht in der Lage. Die 30 Jahre alte, durchtrainierte Frau hat den untersetzten bullenstarken Fabian als Bergführer. Er, der 1,60m kleine Indio hat letztes Jahr, so berichten es die anderen Bergführer mit Ehrfurcht, eine kollabierte Holländerin 6 Stunden lang den Berg hinuntergetragen (Wie sagt man zu einen 1.60m großen Hünen? Hünchen?). Die Bergflanke wird steiler unsere Entlastungsabstände größer, mein Wille auch. Die Anstrengung macht zunehmend Spaß. Da ich in jeder Situation ausreichende Reserven verspüre, steigt meine Zuversicht.

01:15:  Wir haben in einer Höhe von 5.300 m einen aus dem Hang ragenden Felsen erreicht, der Vollmond ist Geschichte, es schneit, es ist windstill. Unter uns quälen sich keuchende brasilianische und germanische Lichtkegel durch das Schneegestöber. "Hulian", unser Bergführer erklärt uns, dass wir nun die rechts zum Felsen liegende Steilrinne queren müssten, er das Unterfangen auf Grund der Schneelage nicht verantworten könne. Nach und nach kommen alle 4 Bergführer am Felsen an. Es wird beraten, die Schneedecke geprüft und wieder beraten. Schlussendlich wird von allen bis auf den Bergführer des Brasilianers der Entschluss zur Umkehr gefasst. Der Bergführer des Brasilianers meint nämlich, dass sein Klient, welcher sich noch ca. 20 Meter unter uns befindet, so langsam sei, dass sich die Lawinensituation bis zu dessen Eintreffen grundlegend ändern könne. Alle müssen über den Scherz lachen. Wir drehen um. Wir sind schrecklich enttäuscht. Enttäuscht die einmalige Chance nicht wahrnehmen zu können. Enttäuscht 700 $ in den Sand gesetzt zu haben. Auch Zweifel am Urteilsvermögen der Bergführer keimen auf. Ok, wir haben sie gewählt, wir müssen ihnen vertrauen. Um 02:30 sind wir wieder in der Carrel Hütte und trinken gemeinsam unsere Flasche Gipfelschnaps leer. Die Stimmung ist nicht schlecht. Wir gehen schlafen.
Ich wache bereits um 06:00 wieder auf und bin frustriert. Stehe auf und gehe um 06:30 ins Freie und bin noch mehr frustriert. Der Berg, den wir die ganze Woche nie vollständig zu Gesicht bekamen, steht frei vor mir. "Hähä, Menschlein", ruft er mir zu. "Ok, du blöder Eisbrocken, fotografier ich dich halt", rufe ich zurück. Ich gehe mit dem Fotoapparat um die Hütte. Sofort höre ich die Betenden der Palmsonntagsprozession von Ambato inbrünstig das AVE MARIA rezitieren: ...ahora y en la hora de nuestra muerte. Amén.

Ich bin mitten im Gedenktafelfeld der am Chimborazo Umgekommenen gelandet. Ohne erkennbares System stehen und liegen die steinernen Zeugnisse menschlichen Scheiterns am sanft ansteigenden Hang hinter unserer Schlafstatt. Manche schön gestaltet, viele unscheinbar mit der steinernen Umgebung verwachsen. Der zweite Blick gilt der Bergflanke unseres Scheiterns. Und ich bin froh 700$ für die Umkehr bezahlt zu haben. Direkt an unserem nächtlichen Standpunkt zieht ein frischer, weil brauner Lawinenstrich vorbei. Er ist mehrere Hundert Meter lang. Ich gehe dann noch zur 200 m höher gelegenen Wymber Hütte, um mir das ganze näher anzuschauen. Ich bin fit, ohne Sechstausender, aber am Leben.

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