steinfeld.news
Aktuelles aus Steinfeld
  • Rund gehts, Batterien sammeln
von Bernd Keuschnig am 17.07.2017 geschrieben
437 0

Zu Besuch in Ecuador – Teil 6

© Google earth - Privat - Montage privat© Google earth - Privat - Montage privat

Wir, die Familie Keuschnig, Petra, Simon und ich, besuchen unseren älteren Sohn Aaron in Ecuador und wollen 3 Wochen bleiben - Reisetagebuch 01.04.2017 bis 23.04.2017 ... Teil 6: Fr, 14. April bis Sa,15. April

Dieser Bericht wird gesponsert von

Oberlojer Busreisen & Reisebüro
© Montage privat© Montage privat

Karfreitagsprozession: Madre Natscha hat uns, den Besuch aus Europa eingeladen. Wir treffen uns um 14:00 bei einer sehr unscheinbaren Kirche im Süden von Ambato. Die Kirche ist eher neu, ein schlichter Zweckbau, Zeugnis des nicht vorhandenen Reichtums der in ihr beheimateten Kirchengemeinde.

Am Kirchvorplatz hat sich bereits eine illustre Gesellschaft versammelt, römische Soldaten, Pharisäer, ein römischer Statthalter, einfach die ganze biblische Gesellschaft. Alle Laiendarsteller haben eine Gemeinsamkeit, ihre Kostüme sind zum Großteil derartig improvisiert, dass man mit ihnen bei keinem österreichischen Maskenball in die Wertung kommen könnte, geschweige denn eine Prämierung erreichen könnte. Die Sandalen der Römer sind eine Kombination aus Badeschlapfen und schwarzem über die Waden kreuzweise geklebten Isolierband, mit welchem die römischen Schnürschäfte imitiert werden sollen. Uns Europäer belustigt die ganze Sache ein wenig.

Was kommt da auf uns zu?  Vorm Kirchplatz und auf der Straße befinden sich ca. 1.500 Leute. Ein die Prozession anführender Kleinlaster, auf dessen offene Ladefläche im hinteren Bereich große Musikboxen montiert sind, sowie ein Stromaggregat und im vorderen Bereich Mikrofone mit einer Elektroorgel stehen, ist ein wenig abseits geparkt.

Eine ältere Frau kommt auf uns zu und begrüßt uns, Petra und mich sehr freundlich. Eine Kollegin von Aaron übersetzt ihre Worte. "Ich freue mich sehr sie in unserem Land begrüßen zu dürfen. Wir schätzen den Einsatz ihrer Kinder für unser Land sehr. Wir heißen sie jederzeit mit offenen Armen willkommen". Das geht natürlich runter wie Öl. Wir sind gerührt. Lob tut, auch indirektes, gut.

Der Priester mit Gefolge schreitet nun über den Vorplatz auf die Straße hinaus. Es geht los. Schlecht gekleidete Römer zerren unseren Heiland der eine schwarze Perücke trägt, gefesselt an Stricken aus dem örtlichen Lagerhaus auf die Straße. Pilatus eröffnet den Prozess gegen den König der Juden. Er weiß, dass der Nazarener kein Verbrecher ist, will aber die örtlichen Eliten nicht vergrämen und macht einen Gefälligkeitsprozess. Doch die Sache entgleitet ihm. Die Menge schreit Crucifixión (Kreuzigung)!! Sie will Blut. Letzter Ausweg, um den in seinen Augen sektierenden aber unschuldigen Spinner aus Nazareth zu retten, ist das jährliche Privileg zum Paschafest einen Schwerverbrecher zu begnadigen. Pilatus lässt, ganz Politiker, die Menge wählen. Eigentlich will er Jesus ja freilassen. Er greift in die Trickkiste und holt den Schwerverbrecher Barabas aus dem Kerker. Zwischen diesen beiden soll das Volk entscheiden. Wider Erwarten entscheidet sich das Volk für Barabas. Der hüpft lachend, wild gestikulierend in seinem grotesken, aus Kunstfell gefertigten falschem Bart, davon. Die Römer beginnen ihr über Jahrhunderte eingeübtes Strafgericht.

Das bis dahin eher lustige Spektakel wird ernst. Sie beginnen, Jesus zu beschimpfen. Auch noch zum Schmunzeln. Dann aber hagelt es Schläge. Und die sind echt. Schluss mit lustig. Zuerst mit Bambusstöcken, bis diese zerbrechen, danach mit Geiseln.

Striemen zeichnen sich am Rücken des Delinquenten ab. Bevor der Umzug richtig losgeht, wird der tatsächlich malträtierte Jesusdarsteller nochmals in den Kirchhof gebracht. Dort, verborgen vor der Masse, die betet, bekommt der Arme Wasser zu trinken und sein geschundener Körper wird mit reichlich Kunstblut übergossen. Die Prozession setzt sich in Marsch. Nach und nach werden alle 14 Kreuzwegstationen begangen. Jedoch nicht wie bei uns, von einer schön gemauerten, kunstvoll gestalteten Station zur nächsten. NEIN. Wir bewegen uns über die Via Dolorossa in Südamerika. Die Gegend ist ärmlich, die Straßen nicht immer asphaltiert, wir gehen im Staub "Palästinas". Die Kreuzwegstationen befinden sich dort, wo die biblischen Szenen nachgespielt  werden. Unser Zug wird begleitet von Eisverkäufern, Süßwarenverkäufern, Hunden und Schaulustigen. Ich sagte ja, wir gehen durch Palästina. Immer mehr Menschen gesellen sich dazu.  Angeführt wird der nach und nach auf Tausende anschwellende Zug von dem eingangs beschriebenen Kleinlaster.

Auf ihm befinden sich die Musiker, die gar nicht mal so schlecht sind, im Gegensatz zur durch ein lautes Stromaggregat angetriebenen, plärrenden Musikanlage. An den Stationen erklärt der Priester die Handlung. Die Laiendarsteller spielen mit religiösem Eifer das Gesagte nach. Zwischen den Stationen wird gesungen und gebetet, immer wieder das AVE MARIA, sowohl von der anwachsenden Menge, vom Kleinlaster als auch gemeinsam. Es ist zeitweise unerträglich heiß, die Sonne hier in 2.700m Höhe am Äquator ist extrem stark. Die Prozession kann sie nicht aufhalten. Es ist nun bereits 17:00, wir sind erst bei Kreuzwegstation IV von 14! Wir müssen aber den Zug verlassen, um den Bus nach Quito und von dort den Nachtbus weiter nach Lago Agrio - im Oriente (Amazonasbecken) - zu erreichen. Die Prozession wird noch bis 19:00 dauern.  Danach noch mal 2 Stunden Messe in der Kirche der Armen.

© Privat © Privat
© Montage privat© Montage privat

Lago Agrio: Wir sind Gestern 22:30 in Quito mit dem Bus losgefahren. Nun ist es 00:58, in Lago Agrio  sollen wir um 06:00 ankommen. Es regnet, wir fahren auf einer kurvenreichen Gebirgsstraße.

04:40 wir sind angekommen in Lago Agrio, 1Stunde 20Minuten früher als am Ticketschalter in Quito prognostiziert.  Es regnet stark hier im Regenwald, jedoch nicht unter dem Blätterdach des Urwaldes, sondern unter dem Blechdach des Busbahnhofes. Um diese Zeit tummelt sich hier nur wenig menschliches Strandgut der Landstraße.

Um 06:00 nehmen wir uns ein Taxi und fahren zur Adresse, die Aaron am Vortag von einem Senior Washington am Telefon genannt wurde. Dort sollen wir uns mit diesem Herrn treffen. Wir werden dann 2 weitere Touristen vom Flughafen abholen und mit diesen 2 Stunden Richtung Regenwald fahren. Dort sollen wir in ein Boot umsteigen, welches uns nach weiteren 2 Stunden in der Cayman Lodge absetzt. Ok, das ist die Faktenlage. Mehr wissen wir nicht. Unser ganzer Urlaub hier ist wenig geplant. Dank Aaron's Sprachkenntnissen können wir improvisieren und kurzfristig agieren. Wir haben uns sozusagen angepasst an die örtlichen Gegebenheiten, hier in diesem faszinierenden Land. Wir steigen also an unserer Zieladresse in einer namenlosen Vorstadtstraße aus. Der Regen ist tropisch warm und stark. Ein Gitter verschließt den Eingangsbereich. Alles ist menschenleer. Sind wir da von jemanden verschaukelt worden?

Der Gedanke ist noch nicht zu Ende gedacht, da erscheint auch schon ein freundlich lachender Mann. Alles ist in Ordnung. Mit normalen Verspätungen treffen wir im Kanuhafen von CUYABENO ein, dem Ausgangspunkt unserer Expedition in die Lunge des Planeten. Jorge, sprich "Horche" unser Guide stellt sich und den Bootsführer Manolo vor. Er erklärt uns den weiteren Tagesablauf, dass wir ca. 2 Stunden in langsamen Tempo entlang des Flusses mit viel Schauen und Erklären der Fauna und Flora die Cayman Lodge ansteuern werden.

Bis auf das Reisetempo sollte alles seinen Ausführungen entsprechen. Wir brausen mit dem ca. 12 m langem, extrem schlankem Boot los. Manolo steuert mit schlafwandlerischer Sicherheit das Boot durch den sich windenden Fluss, nimmt für uns kaum sichtbare Abkürzungen durch schmale zugewucherte Kanäle, rast in Dezimeterabständen an Baumstämmen vorbei, hebt an kritischen Stellen die Antriebsschraube aus dem Wasser und hat nebenbei noch Zeit für uns unsichtbare Affen und Faultiere im grünem Blätterdach wahrzunehmen.

Wir, die Keuschnigs und die Australier Rose und Eliote sind unumwunden stark beeindruckt und froh, dass das Boot in den engen Kurvenfahrten nicht kentert, obwohl die Bordwand schon unter der Wasserlinie zu liegen scheint. Dann erreichen wir den See und dürfen uns über ein Naturerlebnis besonderer Art erfreuen. Flussdelfine tauchen in Bootsnähe auf. Das Wasser ist trüb und man sieht daher nur ihre Atemlöcher für wenige Augenblicke. Wenig später legen wir am Steg der Cayman Lodge an. Es sieht aus wie im Regenwaldparadies. Mehrere mit WC und Duschen komfortabel ausgestattete palmbedeckte Hütten stehen auf einer länglichen, nord-süd ausgerichteten Lichtung mitten auf einem Hügel. Die Ostseite wird durch den Regenwald begrenzt, die Westseite durch eine Reihe 2-stöckiger Schlafhütten, im Süden befindet sich die Koch- und Speisehütte, nach Norden hin wird die Lichtung durch einen mehrstöckigen Schlaf-  bzw. Beobachtungsturm begrenzt. Wir vier beziehen den 1. Stock des Schlafturms und teilen uns die nach dem Jaguar benannte Etage mit einer Amerikanerin aus Ohio. Die Speisehütte an der Südseite ist nach allen Seiten offen. Man sitzt praktisch mitten im Dschungel, aber eben nicht am lebendigen Dschungelboden sondern auf einem angenehmen, weil Sicherheit vermittelnden Bretterboden. Sehr komfortabel! Um 20:00 gibt es Abendessen.

Wir sollen uns um 17:30 mit Badesachen am Bootssteg treffen, um auf den Urwaldsee hinaus zu fahren. Am See ist es atemberaubend schön. Der Sonnenuntergang ist fantastisch.

Von Anacondas, Caymanen und Piranhas droht hier keine Gefahr, wird uns von "Horche" versichert. Wir glauben ihm und gehen mit mulmigem Gefühl ins Wasser. Waschen tut gut. Um 18:30 sind wir wieder am Bootssteg. "Horche" unser Guide, vereinbart mit uns um 19:00 eine 15-minütige Regenwaldtour. Ausgestattet mit Stirnlampen ziehen wir los. Wichtigste Verhaltensregeln: nix angreifen, nirgends anstreifen, Gummistiefel, lange Hosen, langes Oberteil, immer vorher in den Gummistiefel nach blinden Passagieren Nachschau halten. Nach der Tour braucht uns das niemand mehr zu sagen. Wir werden zu paranoiden Nachschauern. Nicht nur der Stiefel. Die Lichtkegel der Taschenlampen offenbaren uns giftige Spinnen, schmerzbereitende Ameisen, von den Einheimischen extrem gefürchtete handtellergroße Wolfsspinnen (Taranteln fallen in die Kategorie Bienenstich, also nur unangenehm), fingernagelgroße tödliche Giftfrösche. Der nächtliche Ausflug lehrt uns aber noch eine weitere Lektion. Orientierung ist kaum möglich. Verlässt man den Pfad, wie wir es in unserem Eifer tun, ist man alsbald hoffnungslos verloren. "Horche" zu 75% Indianer, dessen Großeltern noch durch den Regenwald streiften, kein Spanisch sprachen, er der seit 30 Jahren Expeditionen anführt, verliert die Orientierung.

Wir sind kaum mehr als 500 m von unserer Heimstatt (die wurde es in diesem Augenblick) entfernt, hören den in den Abendstunden bis ca.  22:00 laufenden Generator der Stromversorgung und finden dennoch nicht zurück. Wir folgen einer Richtung und stehen vor einem uferlosen Ufer. Der Wasserspiegel verläuft sich vor uns im Unterholz oder besser gesagt in den unter uns liegenden Baumkronen.  Wir haben "Winter" und der Wasserspiegel ist einige Meter höher als im Sommer. Ok, kein Problem, gehen wir halt zurück, wir sind ja nicht weit weg, wir müssen ja gezwungenermaßen unseren Pfad kreuzen. Fehlanzeige, wir laufen hin und her und stehen jedes Mal erneut an einem unheimlichen Ufer. Kein Mensch will da hinein, in diese Grenzzone terrestrischen zu aquatischen Lebens. Aus der 15-minütigen Exkursion ist bereits 1 Stunde Umherirren geworden. Noch hören wir den Generator, wie lange noch? Wird das Motorgeräusch leiser oder lauter? Aus welcher Richtung kommt es eigentlich?

"Horche", der zunehmend hektischer wird, ist plötzlich auch verschwunden, verschluckt von dem uns so fremden Wald. Die australischen, österreichischen Gringos sind ratlos, ein wenig ängstlich, bleiben aber zusammen, bewahren kühlen Kopf. Endlich ein schwaches Glimmen im Schwarz. Es ist "Horche", jaaaa, er ist wieder da und wirkt nicht sehr orientiert. Wir latschen weiter.  Wortlose Erleichterung durchflutet sechs Gringo- und einen Indiokörper als der Urwaldpfad durch Zufall endlich wieder begangen wird. Wenige Minuten später sitzen wir zu Tisch und essen. Um 22:00 liegen wir in unseren mit Moskitonetzen gesicherten Betten. Nach 2 Tagen Nachtbusfahren schlafe ich wie ein König, wie ein Dschungelkönig.

© Privat© Privat
© Privat© Privat
© Privat© Privat

Quelle/Kontakt

Kontakt:
DI Bernd Keuschnig
10. Oktoberstr. 20
9754 Steinfeld

Telefonkontakt:
+43 - 650/2609663

E-Mail:
info@kulturtechnik-wasser.at

 

zur Übersicht
Diskussion

Wosnlos? Noch kein Kommentar? Sei der erste und gib deinen SENF dazu!